

Als ich im September 2007 diesen Blog eröffnete, hatte mein erster Post die Vorstellung, der zu dieser Zeit gerade erschienen Special-Edition von „Die neun Pforten“ zum Thema. Diese löste die lieblose Single-DVD mit äußerst mäßigen Bild- und Tonwerten ab, und wurde von mir auch unverzüglich gekauft. „Die neun Pforten“ gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich diesen Film gesehen habe, und deshalb war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir die Zeit nehmen würde für diesen Blog eine ausführliche Rezension zu diesem Film zu verfassen. Dies geschieht schon allein deshalb, weil es sich mit den „Neun Pforten“ etwas anders verhält als mit großen Klassikern des Films a la „Der Pate“, die von der Mehrheit der Filmliebhaber verehrt werden. Nein, Polanskis zweiter Film im okkulten Milieu, nach „Rosemary's Baby“, kommt in diversen Besprechungen eher schlecht weg. Angesicht der Tatsache, dass ich diesen Rezensionen absolut nicht zustimmen kann, wird sich auf diesem Blog in Zukunft der Gegenentwurf zu diesen tendenziell negativen Rezensionen finden lassen. Und da ich jetzt schon weiß, dass die folgende Darstellung die Reichweite einer simplen Rezension um einiges übersteigen wird, und in ihrer Vorgehensweise weit in das Interpretierende und Erklärende greifen wird, ist es nur sinnvoll diesen Beitrag von vornherein als Essay anzulegen. Hinzufügen möchte ich noch, dass das weitere Vorgehen in seiner Methodik äußerst manipulativ angelegt ist. Das Ergebnis dieses Essays ist jetzt schon klar umrissen: „Die Neun Pforten“ = Hervorragender Film. Weniger hervorragend ist allerdings mal wieder die dilettantische Übersetzung des Filmtitels: Aus „The 9th gate“ hätte „Die neunte Pforte“ werden müssen, und nicht „Die neun Pforten“. Wer den Film kennt, weiß das die getroffene Übersetzung tendenziell schwachsinnig und sinnverzerrend ist.
Beginnen möchte ich mit einem kleinen Abstecher zu den Bewertungen, die sich auf dem Online-Versand Amazon zu dem Film tummeln. Amazon-Rezensionen sind so eine Sache: Neben Besprechungen, die wirklich ausgezeichnet sind, finden sich auch, mitunter leider vor Allem, Solche die diesen Namen erst gar nicht verdienen. Ich weiß wovon ich spreche, da ich diese Plattform selbst zu Veröffentlichung meiner Rezensionen genutzt habe. Das war bevor ich auf die grandiose Idee gekommen bin diesen Blog zu eröffnen, da mir, auf Dauer gesehen, meine Artikel zu Schade waren um die Rechte daran an irgendjemanden abzutreten. Gleichwohl sind Rezensionen auf Amazon ein hervorragender Indikator dafür, wie kontrovers ein Film in der subjektiven Bewertung seiner Zuschauer sein kann. Paradebeispiel für diesen Sachverhalt sind unter anderem die auf Amazon versammelten Rezensionen zu „300“, dem wohl meistdisskutierten Film des letzten Jahres. Ein ähnlich ambivalentes Bild ergibt sich, wie im Vorigen bereits erwähnt, bei Betrachtung der verschiedenen Bewertungen von Roman Polanskis „Die neun Pforten“. Deshalb zu Beginn einige negative Meinungen zu diesem Film, die sich auf Amazon finden lassen:
"Da muß doch was geschehen, ganz bestimmt..." - so oder ähnlich muß jeder denken, der sich diesen Film ansieht. Der Anfang ist, zugegeben, recht gut gelungen und läßt einen hoffen. Jedoch kann dieser Film zu keiner Zeit richtige Spannung aufbauen oder gar Gänsehaut.“ (Quelle: Amazon.de)
„Langweilig und zäh schleppt sich die Geschichte dahin. Wir wissen nicht, was es mit den Stichen des okkulten Buches auf sich hat und wie man mit Bildern den Satan beschwören soll. Wir wissen auch nicht, wer "sie" ist: Engel oder Teufelin? Kurz gesagt: der Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass manche literarischen Stoffe besser unverfilmt bleiben.“ (Quelle: Amazon.de)
„Selten habe ich einen so langweiligen Film gesehen. Spannung? Fehlanzeige! Subtiler Horror? Auch nicht! Und dann erst das unmotivierte Ende - eine Frechheit! Man könnte meinen, dass der Regisseur keine Lust mehr gehabt hat, da er erkannt hat wie schlecht sein Film ist und er sein übles Machwerk schnellstmöglich beenden wollte.“ (Quelle: Amazon.de)
Folgende Beobachtung scheint mir interessant: Ein Hauptteil der negativen Bewertung bezieht sich auf den Schluss des Films, der Vielen, hinsichtlich des Verständnisses des Films, unbefriedigend scheint. Aber beginnen wir besser am Anfang, und der Anfang ist in diesem Fall nicht gleichbedeutend mit dem Beginn des Films. Nein, ich beginne an dieser Stelle mit der Erwähnung der Roman-Vorlage, auf der der Film basiert. 1993 schrieb Arturo Perez Reverte den Roman „El Club Dumas“ - „Der Club Dumas“. Wie der Film zu meinen absoluten Favoriten gehört, gehört der Roman wiederum zu den Büchern die mir in meinem Bücherschrank am Liebsten sind. In diesem Roman verknüpft der Autor zwei Handlungsstränge, die sich in der Hauptfigur des Romans, nämlich Lucas Corso, manifestieren. Einerseits geht es um ein angebliches Original-Manuskript von Alexandre Dumas „Die drei Musketiere“, auf der anderen Seite geht es um ein okkultes Buch aus dem 17. Jahrhundert welches von Aristide Torchia in Kollaboration mir dem Teufel höchst persönlich verfasst worden sein soll, und mit dessen Hilfe man angeblich den Leibhaftigen selbst beschwören kann: „Das Buch der neun Pforten ins Reich der Schatten“
Die Leser meines Blogs werden wissen, dass ich bei der Rezension eines Films nicht sonderlich viel Wert darauf lege, inwieweit der Film sich an seiner Vorlage orientiert. Nein, der Film an sich muss in seiner Inszenierung überzeugen können. Warum gehe ich dann an diese Stelle überhaupt auf den zugehörigen Roman ein? Nun, die Romanvorlage wird im weiteren Verlauf des Essays, wenn es auch um das Ende des Films geht, noch mal von Bedeutung sein und sollte von daher im Hinterkopf behalten werden. Außerdem denke ich, dass man ruhig wissen darf, wenn ein Film auf einem Roman basiert. Das Drehbuch von „Die neun Pforten“ hat erfreulicherweise nicht den Fehler gemacht, beide Handlungsstränge des Romans aufgreifen zu wollen. Das Drehbuch beschränkt sich auf den Teil des Plots, in dem es um das Buch der neun Pforten geht. Der Roman hat somit in seiner filmischen Gestalt weitreichende Änderungen erfahren. So heißt unser Protagonist im Film Dean Corso, und nicht Lucas Corso, auch andere Personen spielen in Buch und Film verschiedene Rollen. Die Handlung wurde teils marginal, teils deutlich geändert. Der Qualität des Films tun diese Änderungen keinen Abbruch, und somit verlasse ich nun das theoretische Vorspiel und steige direkt in eine knappe Wiedergabe der Handlung des Films ein.
Der Buch-Händler Dean Corso wird von dem Sammler Boris Balkan, der sich auf das Sammeln von Büchern mit okkulter Thematik spezialisiert hat, beauftragt die Echtheit seines Exemplares des „Buches der neun Pforten ins Reich der Schatten“ zu überprüfen, und mit den zwei anderen vorhandenen Ausgaben in Portugal und Frankreich zu vergleichen. Corso nimmt den Auftrag an, bemerkt jedoch schon früh, dass er augenscheinlich verfolgt wird: Zum einen von einer mysteriösen Frau mit blonden Haaren, zum Anderen von einem Farbigen mit ebenso auffällig blonden Haaren. In Portugal und Frankreich vergleicht er Balkans Ausgabe mit den beiden anderen Exemplaren. Dabei stellt Corso fest, dass jeweils 3 Holzschnitte in 3 den Büchern Unterschiede aufweisen. Die Stiche mit den Abweichungen tragen jeweils die Signatur LCF (Luzifer), die Anderen die von Torchia. Die Besitzer der anderen Bücher kommen jeweils nach nach dem Besuch Corsos zu Tode, ihre Exemplare Verbrennen – Allerdings nicht die Abbildungen: Die wurden vorher entfernt. Es stellt sich heraus, dass Balkan hinter diesen Taten steckt. Er glaubt das Rätsel der neun Pforten entschlüsselt zu haben, und sieht sich nun berufen seinen Platz neben dem Teufel einzunehmen. Doch bei dem Versuch eben Jenen zu beschwören, kommt Balkan zu Tode. Das Mädchen, die mysteriöse Blonde, die unseren Helden schon die ganze Zeit beschützt hat, erklärt Corso auch warum Balkan gescheitert ist. Der letzte Holzschnitt war eine Fälschung. Sie zeigt ihm den Weg zu dem Original, und der Film endet damit, wie Corso die neunte Pforte durchschreitet. So weit an dieser Stelle zur Zusammenfassung der Handlung, welche zugegebenermaßen stark verkürzt dargestellt ist. Allerdings bin ich ehrlich gesagt der Meinung, dass so ziemlich jeder, der begonnen hat diesen Artikel zu lesen, den Film sowieso schon mal gesehen hat. Warum sollte man sonst eine Interpretation zu einem Film lesen wollen? Außerdem wird im Folgenden im Zuge der Interpretation noch detaillierter auf einige Aspekte der Handlung eingegangen werden.
Verfolgt man die Diskussionen, die sich rund um den Film entzünden, dann ist es schon verwunderlich warum so viele Menschen der Meinung sind, sie hätten den Film, bzw. das Ende nicht verstanden. Interessant in diesem Zusammenhang sind die unterschiedlichen Enden in Buch und Film: Während Corso im Buch in sein normales Leben zurückkehrt, entschließt sich der Corso im Film dazu die Schwelle zur neunten Pforte zu durchschreiten. Es wäre in diesem Zusammenhang schon interessant zu wissen, warum sich Polanski dazu entschlossen hat ein Ende zu wählen, welches um einiges mysteriöser ist als im Roman. Leider sagt er auch im Audiokommentar der DVD nichts zu diesem Thema. Es darf also spekuliert werden. Nähern wir uns jetzt also zentralen Fragen des Films. Wie ist das Ende zu interpretieren? Wer ist das mysteriöse Mädchen? Warum ist es Corso der den Weg ins Reich der Schatten findet?
Gleich zu Beginn des Films wird der Zuschauer in wesentliche Charakterzüge des Dean Corso eingeführt. Er ist ein Söldner, wie er im Buche steht: Emotional völlig leer, skrupellos, verschlagen, ausschließlich auf seinen Profit bedacht.
Balkan: „Es gibt nichts zuverlässigeres als einen Mann, dessen Loyalität man mit barer Münze kaufen kann.“
Dies alles versteckt unter einer Fassade, die Sympathie vorgaukelt. Das Bild vom „Wolf im Schafpelz“ wird im Film des öfteren bemüht. Johnny Depp versteht es diese Charakterzüge glaubhaft auf die Leinwand zu projizieren, indem er seine Rolle mit der nötigen Zurückhaltung ausstattet. Dies wird Depp in diversen Rezensionen auch zur Last gelegt, doch übersehen die Rezensenten das in dieser Gleichgültigkeit der Schlüssel zu der Person Dean Corso liegt. Corso, ist zumindest im Film (Im Roman sieht die Sache schon wieder anders aus), völlig leer. Corsos Antagonist im Film ist Boris Balkan. Er stellt das krasse Gegenteil zu Corso da: Sein Antrieb ist nicht Geld, das ist für ihn nicht von Interesse. Balkan ist besessen von dem Wunsch das Geheimnis der neun Pforten zu lösen. Was ihn antreibt ist die Gier nach Macht. Um sein Ziel zu erreichen schreckt er vor keinem Mittel zurück, das Leben eines Menschen ist für ihn nichts wert. Seine Hybris wird ihm am Ende zum Verhängnis werden, denn der Teufel duldet keinen neben sich, der nach persönlicher Macht giert. Frank Langella hat erst gegen Ende des Films die Möglichkeit zu beweisen, dass er dazu in der Lage ist seine Rolle mit Leben zu füllen, da sein Charakter während der ersten zwei Dritteln des Films darauf beschränkt bleibt im Hintergrund die Fäden zu ziehen.
Und bei diesem Stichwort kommen wir direkt zu der Person des Mädchens (Emanuelle Seigner) , welche in dem Film eine entscheidende Rolle spielt. „Wir wissen auch nicht, wer "sie" ist: Engel oder Teufelin?“, heißt es einem der vorigen zitierten Bewertungen. Diese Einlassung ist allerdings nicht korrekt. Wer richtig hingeschaut hat, als er den Film gesehen hat, der weiß es ganz genau. Nein, sie ist nicht der Teufel persönlich, wohl aber einer seiner Boten – Ein gefallener Engel. Wir werden im Film mehrmals Zeuge ihrer übersinnlichen Fähigkeiten: Sie scheint zu schweben, ihre grünen Augen glühen, und beim Liebesakt mit Corso ist in Schüben ihre dämonische Herkunft zu erkennen. Sie wacht über das Buch der neun Pforten und darüber das nur der Ausgewählte Einlass in das Reich der Schatten finden kann. Wo das Böse existiert, muss auch das Gute existieren. So wie das Mädchen Gesandte des Teufels ist, sind die beiden Restauratoren in Portugal Gesandte Gottes - also Engel, welche darüber wachen sollen, dass das Geheimnis der neun Pforten niemals gelüftet wird. Sie waren es, die den neunten Schnitt gefälscht haben, und doch haben sie schlussendlich in ihrer Aufgabe versagt – Deshalb sind sie am Ende des Films auch verschwunden. Wer genau darauf achtet wird feststellen, dass sowohl diese Männer, als auch das Mädchen auf den Holzschnitten verewigt sind. Corso unterhält sich mit den beiden Restauratoren ausführlich über einen der Holzschnitte. Dieser zeigt einen Wanderer, der sich anschickt eine Brücke zu überqueren. Im Himmel wird eine Person, die den Restauratoren gleicht, mit Pfeil und Bogen dargestellt, die ihn am Ende der Brücke zu erwarten scheint.
Restaurator: „Das könnte man als eine Art Warnung deuten. Wenn du zu weit gehst, so scheint es zu sagen, wird vom Himmel das Unheil über dich hereinbrechen.“
Als Corso kurz danach die Werkstatt der Beiden verlässt, bricht das an der Häuserwand aufgestellte Gerüst über ihm zusammen – Die Verbindung zwischen beiden Ereignissen dürfte deutlich geworden sein. (Wer sich die Holzschnitte mal in Ruhe ansehen möchte, der sei auf DIESE Seite verwiesen.) Mit dem Mädchen verhält es sich ähnlich. Der neunte, richtige Holzschnitt, zeigt sie nackt auf einem Ungeheuer sitzend. Sie hält ein Buch in der Hand und zeigt auf das Chateau in dem Balkan zu Tode gekommen ist. Über den Türmen geht die Sonne unter. Die an dieser Stelle verwandte Symbolik ist klar. Sie orientiert sich an der biblischen Offenbarung des Johannes in der es heißt:
„Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das voll Namen der Lästerung war und sieben Köpfe und zehn Hörner hatte. Und die Frau war gekleidet in Purpur und Scharlach und übergoldet mit Gold und Edelsteinen und Perlen.“
Der Holzschnitt greift somit auf das Bild der „Hure Babylon“ zurück, welche in der Deutung natürlich überaus ambivalent ist. In der Darstellung des Films ist sie einfache Allegorie für Sünde und Laster, und ist somit Inbegriff für die Gegner der Kirche. Wer Einlass begehrt in das Reich des Teufels, der muss auserwählt worden sein. Diese Aufgabe kommt dem Mädchen zu. Sie wählt Corso, und nicht Balkan. Sie wählt den Menschen den auf dieser Welt nichts hält, weil er nichts hat außer seiner Neugier. Sie entscheidet gegen Balkan, welcher nur nach persönlicher Macht strebt. Corso wird von ihr zweifach gezeichnet: Das erste mal mit ihrem Blut, das zweite Mal durch die körperliche Vereinigung. Erst danach gibt sie ihm den Schlüssel zu der neunten Pforte, die sich schließlich für ihn in einem hellen, gleißendem Licht öffnet. Und, ja: Was im Film dargestellt wird ist das Tor zur Hölle, und nicht zum Himmel, wie einige auf Grund des hellen, freundlichen Lichts immer mal wieder vermuten. Der Teufel ist der gefallene Engel Luzifer. Luzifer setzt sich aus dem lateinischen lux=Licht und ferre=bringen, also „Lichtbringer“ zusammen. Der Kunstgriff den Teufel in helles Licht zu kleiden, wird immer mal wieder in Filmen aufgegriffen, so zum Beispiel auch in „Constantine“, wo der Teufel, in einem weißen Anzug gekleidet, am Ende des Films einen äußerst memorablen Auftritt hinlegt.
Verlassen wir nun die Ebene der Interpretation und kommen zur Untersuchung der Inszenierung des Films. Sicher, der Film ist eine okkulter Thriller, welcher zeitweise hoch spannend daherkommt, völlig ernst genommen werden sollte er allerdings nicht. Roman Polanski hat den Film durchaus mit einer nicht geringen Prise von schwarzem Humor versehen. Die Szene als Balkan eine Horde wild gewordener Satanisten mit einem lautem „BUH“ verschreckt, ist typisch für den Grundtenor des Films. Polanski hat diesen Thriller nicht mit der Ernsthaftigkeit inszeniert, wie er zum Beispiel „Rosemary's Baby“ inszeniert hat. Nein, er parodiert viel mehr das Genre, als das er es weiterführt. Der Film grenzt sich in seiner Machart somit von okkulten Thrillern "gewöhnlicher Machart" ab, „Das Omen“ oder „Der Exorzist“ sind in diesem Zusammenhang neben „Rosemary's Baby“ zu nennen. Neben dem fein eingestreuten Humor gelingt die Ironisierung des Films vor allem durch die Überbetonung der verwendeten Symbolik. Balkan gibt im Fahrstuhl die Kombination „666“ ein. „666“ ist auch die Kombination für das Sicherheitsschloss seiner Bibliothek. Keine sonderlich intelligente Kombination um eine Bücherei mit okkulten Büchern vor Dieben zu schützen. Und natürlich sehen wir auch in einer Szene genau drei Orangen langsam die Treppe runter kullern, analog zu den 3 Abweichungen in jedem Buch. Auch der obligatorische schwarze Hund darf natürlich nicht fehlen, welcher Corso in einer Szene wissend anstarrt.
Dieses Zusammenspiel, nämlich gut aufgemachte Spannung und fein eingestreuter Humor, ist einer der Gründe warum ich diesen Film so gelungen finde. Hinzukommt, dass Polanski dem Zuschauer ein eindeutiges Ende verweigert. Es steht jedem frei in den Film das zu sehen, was er sehen möchte. Das der Film somit den Grundtenor des Romans massiv verändert, ist ebenso unbestreitbar. Dies ist jedoch meines Erachtens kein Problem. Man sollte sich davor hüten beide Werke miteinander zu vergleichen, da Beide unterschiedliche Schwerpunkte im Kern ihres Inhalts haben. Nichts desto trotz kann die Lektüre des Romans hilfreiches Werkzeug zum Verständnis des Films sein. Abgesehen davon natürlich, dass das Buch an sich bereits eine sehr vergnügliche Lektüre ist. Aber nun genug zu den Unterschieden von Roman und Film, das ist hier nicht das Thema.
Die bereits angesprochene Inszenierung ist während des gesamten Films exzellent. Die Schauspieler bringen durch die Bank weg gute Leistungen. Hinzu kommt, dass die Location des Films einen gewissen Charme hat, und sich von dem Einerlei der amerikanischen Großstädte positiv abhebt. Der gesamte Film ist hervorragend fotografiert, die malerischen Dörfchen in Portugal und Frankreich, die verschiedenen Burgen und Anwesen erzeugen eine Stimmung die mit dem Thema des Films wunderbar harmoniert. Unterlegt ist der Film mit dem wunderbaren Score von Wojciech Kilar, der unter anderem den Score zu „Bram Stoker's Dracula“ geschrieben hat, welcher den Spannungsaufbau des Films stetig unterstützt. Hinzu kommt, dass Polanski sich bei dem Aufbau der Geschichte Zeit nimmt. Das Tempo des Films ist nicht sonderlich hoch, gerade am Anfang. Wer hier Eintönigkeit sieht, der ist offenbar auch nicht bereit gewesen sich auf den Film einzulassen.
„Die neun Pforten“ ist ein hervorragender Film, soviel ist sicher: Inszenierung, Story, Schauspieler – Alles ist von hohem Niveau. Woran liegt es dann, dass ihn so viele als nicht gelungen bezeichnen? Ich persönlich denke, dass die Antwort auf diese Frage eine denkbar einfache ist – Das Thema ist nicht Kompatibel mit dem „Geschmack der Massen“. Sowohl der Film, als auch der Roman drehen sich um Bücher, beziehungsweise um die Wirkungsmächtigkeit von alten Büchern. Gerade der Roman wird eher Bibliophile ansprechen, die sich zumindest rudimentär mit den verwendeten Zitaten und Anspielungen, welche auf andere Werke der Literatur Bezug nehmen, auskennen. Der Film hat die Fokussierung auf dieses Thema minimiert, in dem er den einen Handlungsstrang des Romans ausblendet. Nichts desto trotz dreht sich aber auch der Film zu vorderst um die Geheimnisse die in Büchern verborgen sind. Das geschriebene Wort kann eine mächtige Waffe sein, in früheren Zeiten noch mehr als Heute.
Fargas: „Es gibt Bücher die gefährlich sind, die man nicht ungestraft aufschlagen darf.“ - Corso: "Da ist was Wahres dran.“
Heute wird die Bedeutung des Buches zunehmend abgelöst von den Bildern unserer medialisierten Welt. Nichts desto trotz können Bücher auch Heute noch von entscheidender Bedeutung sein, so die großen religiösen Werke wie die Bibel oder der Koran. Bibliophile werden quasi magisch angezogen von der Aura alter Bücher, von den Geheimnissen die in Diesen schlummern können. Dies gilt unter anderem auch für mich persönlich, die Studienwahl bringt diese Art von Faszination unweigerlich mit sich. Man könnte es vielleicht beschreiben als eine Art eines „heiligen Schauers“ der einen überkommt, wenn man die Möglichkeit hat ein Buch in den Händen zu halten, welches hunderte von Jahren alt ist. Wer schon mal eine mittelalterliche Urkunde vor sich liegen hatte, weiß vielleicht wovon ich spreche. Der Film „Die neun Pforten“ ist ein Erlebnis, und er gehört zu den Besten die Roman Polanski bislang abgeliefert hat. Allerdings werden nur Leute, die mit dem Thema an sich etwas anfangen können, von dem Film ebenso begeistert sein. Wer Bücher, und alte Bücher im Besonderen, langweilig findet, der wird auch Schwierigkeiten mit dem Film an sich haben. Des Weiteren verlangt der Film Aufmerksamkeit und die Fähigkeit sich auf ihn einzulassen. Er ist mit Sicherheit keine Unterhaltung, welche ausschließlich unterhalten will. Ich denke auch aus diesem Grund hat sich Polanski dazu entschlossen das Ende so offen anzulegen – Der Zuschauer soll nachdenken.
Fazit: „Die neun Pforten = Hervorragender Film – „Quod erat demonstrandum!“
Quellennachweis: Screenshots aus "Die neun Pforten". © Araba Films, Bac Films, Canal+, Kino Vision, Live Entertainment, Origen Producciones Cinematograficas S.A, Orly Films, R.P. Productions, TF1 Films Productions, Vía Digital






23 Kommentare:
Lupenreine Argumentation und ansprechender Schreibstil. Dieser Essay hat mich in der Deutung der "Neun Pforten" ein entscheidendes Stückchen weiter gebracht. Danke für diesen Beitrag.
Danke für das Kompliment und es freut mich natürlich, wenn meine Ausführungen beim Verständnis geholfen haben
Super Seite hier. Sehr sclüssig geschriebene Interpretation des Films, die auch mir geholfen hat, die ein oder andere Frage zum Film zu klären.
Vielen Dank... ;-)
Gut gemacht! Kann dir nur zustimmen, bei deinem Text!
Super Sache! Endlich mal ein Artikel bei dem der Autor nachgedacht hat ;).
Danke, hat mir geholfen den Film mal im Ansatz zu verstehen!
Danke! ;-) Man mertkt, der Film kam gestern wieder im Fernsehen. :D
Genau, ich hab ihn auch gesehen, und war, ehrlich gesagt, etwas enttäuscht vom Ende. Ich hab's wirklich nicht kapiert. Nun ist mir aber auch einiges klarer geworden, habe auch auf anderen Seiten noch ein bisschen gestöbert.
Eigentlich ein genialer Film, wenn man sich mit diesem Stoff auskennt / sich dafür interessiert.
Danke für die tolle Rezension!
Natürlich muss das Ende beim erstmaligen Sehen ein wenig unbefriedigend erscheinen. Ging mir auch so. ;-) Wie gesagt: Bei Interesse für das Sujet kann ich den Roman für Dumas nur empfehlen. Der hilft - weil eben vieles ausführlicher angesprochen kann - ungemein beim Verständnis des Films.
Guter Schreibstil und guter Inhalt. Thumbs up!
Vielen Dank für die hervorragende Rezension. Wirklich kein Mainstreamfilm, da gebe ich Ihnen Recht. Ich hab ihn heute das zweite Mal gesehen, um auf die vielen kleinen Details besser achten zu können. Es ist ein Meisterwerk und so angelegt, dass man auch wenn einem einiges zunächst entgeht, auch intuitiv versteht, voraus gesetzt, man interessiert sich fürs Thema.
Tolle Rezession. Sehr ausführlich! Nur eine Kleinigkeit fehlt, meiner Meinung nach:
Die sehr schnell ergrauenden Schläfen von Dean Corso. Was wollte Polanski damit ausdrücken? Altert Corso? Wird er weiser? Oder hat er nur weiße Schläfen, wenn er eine bestimmte Tätigkeit ausübt?
Ach, was mir gerade aufgefallen ist (der Film läuft grad auf Sat.1), der "Engel" hat keinen Schatten bei der Kampfszene am Fluss mit dem blonden Schwarzen.
Details über Details...
Ein absolut unterschätzer Film! Bin da ganz eurer Meinung!!
Erst einmal muss ich dir zu deiner guten Rezession gratulieren. Du hast wirklich die wichtigsten Inhalte des Films in einen kurzen Text gebracht und analysiert.
Ich habe auch zwei Fragen zum Film, die du mir hoffentlich hier beantwortest.
1. Warum fließt die Flüssigkeit in der Metallkanne bei Boris Balkan in dem Burgturm weiter kurz bevor er sich selbst anzündet?
2. Welche Rolle hat man Fargas, dem Besitzer des 2. Buches in Portugal, zugedacht? Er hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Kerl auf dem Holzschnitt, welcher die Schlüssel in seiner Hand hält. Wenn man sich den Bart wegdenkt und die Haare färbt hat man den Bibliographen. Ist er ein Hüter?
Sehr gut fand ich übrigens auch die Flammennummern und Tode, besonders mit der Zunge und dem Selbstentflammten.
Den Inder im Taxi fand ich auch sehr interessant, doch die Szene am Anfang, wo er die vier Bände des Don Quichotte für einen Billigpreis den ahnunglosen Verkäufern abkauft, welche er vorher getestet hat und der alte Herr natürlich urplötzich das Gesicht verzieht. Einfach genial.
Best Greetings Vini184
Best Greetings Vini184
zu 1: Da ist mir nun speziell nichts weiter aufgefallen, in Sachen der zweiten Frage gebe ich dir Recht. Ich habe noch einmal nachgesehen; Fargas und der Typ im Holzschnitt sehen sich in der Tat ähnlich. Ich halte deine These, dass es sich bei Fragas ebenfalls um einen Hüter gehandelt hat, für plausibel.
Schön, dass ich mit meiner Meinung nicht mehr alleine dastehe, dass "Die neun Pforten" ein großer Film ist. Mich hat er schon beim ersten Sehen gefesselt und ich kann ihn mir immer wieder ansehen, ohne dass ein Jota seier Wirkung verloren geht. Im Gegenteil ...
Ich denke, Du liegtst mit der Annahme richtig, dass "Die neun Pforten" vor allem jene anspricht, die ein Faible für Bücher im haben und sich von alten Büchern faszinieren lassen können.
Nette Seite, werd ich wohl öfter vorbeischauen. ;-)
Ein paar Dinge sehe ich ein wenig anders oder eher ergänzend:
1) Ich halte die Blonde für eine Art Hexe im Auftrag des Teufels, um die auszuwählen, die sich für die neunte Pforte als würdig erweisen. Hexe deshalb, weil sie das erste Mal in einem Seminar Balkans auftaucht. Während er den Begriff Hexe definiert, wird sie von der Kamera sorgfältig gemustert. Ein möglicher Hinweis.
2) Die Zwillingsbrüder sind nicht die guten Gegenspieler. So etwas gibt es meiner Meinung nach nicht in dem Film. Im Gegenteil, sie sind wie die „Hexe“ Handlanger Luzifers und führen Corso mit den Signaturen sogar explizit auf die richtige Fährte. Sehr verräterisch das verschwörerische Gekicher der Beiden bei der Aussage: „Selbst die Hölle hat ihre Helden, Senor!"
So sehen keine Engel aus! Weshalb sie auch nicht deswegen verschwanden, weil sie versagt hätten, sondern weil sie ihre Aufgabe erfüllt haben, oder besser erfüllen: Die Möbelpacker, mit deren Hilfe er „zufällig“ den letzten Originalschnitt bekommt, sind nämlich niemand anderes als die zwei Restauratoren höchstpersönlich...
3) Der Schlüssel zum Film scheint mir zu sein, dass Corso alle neun Holzschnitt-Darstellungen real durchlebt. Sie haben es mit den Beispielen der Buchrestauratoren und der „Hure von Babylon“ bereits angedeutet. Weitere Ähnlichkeiten ergeben sich mit: Fargas auf Bild II, der mit Corso befreundete Bibliothekar Bernie auf Bild VI, Balkan auf Bild VIII…
Zusätzlich korrelieren die Handlungen Corsos mit den Abbildungen. So baumelt Bernie in seine Bücherei nicht nur gemäß Bild VI tot am linken Bein von der Decke, auch Corso verhält sich gemäß der Bildunterschrift, indem er den Preis für seine Nachforschungen in die Höhe treibt: „DITESCO MORI - Ich bereichere mich durch den Tod.“
Alle Entsprechungen habe ich allerdings noch nicht entdeckt.
Balkan musste daher scheitern. Er hatte weder die korrekte Anleitung, noch wurde er auserwählt, noch hatte er eine der vorgesehen Pforten durchschritten. Ein paar Zettel und lächerliche Beschwörungsformeln reichen dem Herren der Finsternis anscheinend nicht, um jemanden in seine dunklen Geheimnisse einzuweihen.
Das Großartige an dem Film ist, dass man sich ihn x-mal ansehen kann und trotzdem immer irgendetwas Neues entdeckt …
Nette Seite
Danke!
Mit den Zwillingsbrüdern hast du mich noch nicht überzeugt (da müsste ich noch mal den Film sehen). ;-) Gleichwoh stecken in deinem Punkt 3 gute und interessante Ansätze, über die ich noch gar nicht nachgedacht habe. Hast du eigentlich den Roman gelesen, auf dem der Film basiert. Wenn nicht: Sehr zu empfehlen.
Nein, noch nicht gelesen, aber gerade bestellt. ;-)Bin schon auf etwaige Unterschiede und neue Interpretationsmöglichkeiten gespannt...
Hallo,
dieser Film ist so genial wie daneben. Ich meine, dass man heutzutage keinen Kinosaal füllen kann mit einem Film, der das Wissen um die thematisierte Symbolik voraussetzt. Zumal eine Deutung - meist nur ansatzweise und lückenhaft, genau wie im Film - den meisten verborgen bleibt.
Das Geniale an diesem Film ist jedoch das Leben danach :-), weil Polanski dem Betrachter die Möglichkeit gewährt, durch die Versuche der Deutung ein wenig in Corsos Rolle zu schlüpfen...
Gelungener Film mit Gänsehautgarantie.
DANKE für die umfangreichen Infos.
Hallo. Ich finde den Film auch genial. Deine Interpretation und die Diskussion auf dieser Seite hat mich nochmal entscheidend weitergebracht beim Verständnis des Films. Thx.
Ich denke, dass der Film mit so viel Unverständnis aufgenommen wurde ist, dass man für sein Verständnis etwas Hintergrundwissen braucht, z.B. in christlichen Interpretation des Satans, Texte, wie die Apokalypse, der Bildwelt der christlichen Mythologie, dem Tarot, (der Gehängte) etc. Mir haben außerdem meine Lateinkenntnisse geholfen, die Texte zu verstehen.
Die Holzschnitte muss man sich auch etwas genauer ansehen, um sie zu verstehen, das geht bei so einem Film - zumindest beim ersten Ansehen - nicht so gut.
(Hat sich also doch gelohnt, mich durch das große Latinum zu "quälen".
Mit dem Ende hatte ich keine Probleme - Corso geht auf die andere Seite - dass der Höllenfürst persönlich nicht gezeigt wird bzw. die Vorstellung jedem selbst überlassen bleibt, was er ist, finde ich den richtigen Weg. Alles Andere wäre nur peinlich und dem Voyeuismus eines Teils des Publikums geschuldet.
Im Film erscheinen er, bzw. seine Gesandte, für mich jedenfalls weniger böse als die Menschen, die glauben, ihn zu kennen, ihm folgen etc.
Ich finde, der Film wirft interessante Fragen auf, auch, was der Teufel ist (Luzifer, der Lichtbringer, spontane Assoziation mit Prometheus aus der grichischen Sage, der Bringer der Erkenntnis, die das Wesen des Menschen - zum Guten und zum Bösen - ausmacht...) das schon alleine macht den Film sehenswert.
Zu fragen ist auch, ob sich der Film überhaupt mit manichäisch-christlichen Begriffen wie Himmel und Hölle oder auch Gott und Teufel interpretieren lässt. In welche Welt tritt Corso am Ende ein? Wirklich in die Hölle? Wenn Emmanuelle Seigner die Hölle ist, kann ich die Satanisten gut verstehen … :-) Auf jeden Fall erlebt Corso eine Transformation, tritt er aus seiner Sphäre der Jagd nach Geld und Büchern in die Welt sinnlicher Leidenschaft. Irritierend auch das Bild der brennenden Burg. Burgen können stehen für Macht und Herrschaft durch Gewalt. Ein Bild für Rebellion und Überwindung fremder Autorität? Dann wäre Corso quasi in sein eigenes kleines Paradies, in sein persönliches Reich der Freiheit gelangt. Was aus traditionellem christlichen Blickwinkel ja auch schon ein wenig diabolisch, zumindest etwas ungezogen wäre.
Sehr tolles Essay und wundervolle Diskusion. Leider werden jedoch Andeutungen des Films wie das Ende interpretiert werden kann/soll außer acht gelassen. So wird beim "Satanistentreffen" von Balkan erklärt durch das Durchschreiten der neunten Pforte wäre er in der Lage sein Schicksal selbst zu bestimmen. Dies kann mann als Parallele zu dem berühmten satz Luzifers " Es ist besser in der Hölle zu regieren, als im Himmel zu dienen" sehen. Dadurch kann mann die neunte Pforte als den Weg in die absolute Freiheit interpretieren, die einem dem Teufel, der in der Hölle als Regent und nicht an Konventionen gebundenes Wesen tatsächlich frei ist gleich macht. Dies würde ebenfalls mit dem Bild Luzifers als der Lichtbringer konform gehen, den der Protagonist erfährt durch ihn am Ende Erleuchtung (ob diese nun zu glückseligkeit oder ins verderben führt bleibt offen)
Mfg
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