

Als Woody Allens neuer Film „Vicky Christina Barcelona“ bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere feierte, wurde der Streifen, so war jedenfalls zu lesen, hinterher mit Ovationen gefeiert und schlug damit zumindest in der Gunst der Zuschauer den ebenfalls in Cannes uraufgeführten vierten Teil des Indiana Jones Franchise um Längen, wurde „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ doch „nur“ mit höflichem Applaus bedacht. Nachdem sich Allen in den vergangenen Jahren in seinen Filmen verstärkt Europa, der britischen Insel und der dazugehörigen Metropole London zugewandt hat und mit „Match Point“, „Scoop – Der Knüller“ sowie „Cassandra's Dream“ drei Filme von höchst unterschiedlicher Qualität ablieferte, durfte man durchaus gespannt sein, was Allen bei seinem Abstecher nach Barcelona aus dem Hut zaubern werden würde. Woody Allen gehört wohl nicht gerade zu den Wenig-Filmern seiner Zunft, mehr als vierzig Filme enstanden bislang unter der Regie des mittlerweile dreiundsiebzigjährigen Mannes und doch, der Eindruck verdichtete sich immer mehr, an die ganz großen Erfolge von Früher, vermochte Allen nicht mehr anzuknüpfen. Auch bei seinen letzten Filmen zeigte sich die qualitative Wankelmütigkeit Allens: Auf die exzellente Kombination aus Satire auf die britische Upper Class und Lehrstück über die Unberechenbarkeit des Faktors Zufall „Match Point“, folgte die zwar unterhaltsame aber doch recht beliebige Komödie „Scoop – Der Knüller“. Verbindendes Element beider Filme war dabei das Mitwirken von Scarlett Johansson, Woody Allens jüngst entdeckter Muße, die nun mit „Vicky Christina Barcelona“ ein weiteres Mal innerhalb weniger Jahre für Allen vor der Kamera agierte.
Es soll für die beiden amerikanischen Touristinnen Vicky (Rebecca Hall) und Christina (Scarlett Johansson) ein schöner Sommer werden, unbeschwert und leicht. Eine gute Zeit wollen sie haben, angenehme Ferien verbringen, inmitten der Hitze der katalanischen Metropole Barcelona. Zwei beste Freundinnen, die sich blendend verstehen, aber gänzlich andere Auffassungen von der Liebe und dem Leben an sich haben. Auf der einen Seite die brünette Vicky, die ihren Urlaub gleich mit der Arbeit an ihrer Magisterarbeit über die katalanische Kultur verbindet und nach ihrer Rückkehr in den Stand der Ehe eintreten will, mit einem Mann der ein gewöhnliches und geregeltes Leben führt und der in New York auf sie wartet. Und auf der anderen Seite die blonde Christina, hoffnungslose Romantikerin, deren Leidenschaften im wahrsten Sinne des Wortes Leiden schaffen. Eine junge Frau, die sich auf der Suche nach etwas befindet, was zu finden ihr bislang noch nicht vergönnt war. Eine Frau die, so ist zu erfahren, sechs Monate für einen zwölfminütigen Film über die Liebe gebraucht hat und sich in ihrem Selbstverständnis eher als künstlerischer Freigeist, denn rational und kühl kalkulierende Person bezeichnen würde. Als die beiden Freundinnen eines Abends in einem Restaurant auf den charismatischen Maler José Antonio (Javier Bardem) treffen, der vor einiger Zeit von seiner impulsiven Lebensgefährtin Maria Elena (Penélope Cruz) nicht nur verlassen, sondern auch noch fast umgebracht worden wäre, lädt dieser die beiden Frauen ohne Umschweife zu sich in sein Haus nach Oviedo ein – Eine Einladung die das Bett Josés nicht nur implizit, sondern viel mehr explizit miteinschließt. Während Vicky im ersten Moment ob dieser frontalen Vorgehensweise entsetzt ist, erliegt Christina von Beginn an dem Charme des Iberers. Nach kurzem Zögern nehmen die Beiden das Angebot an und mit der Zeit kann sich auch Vicky dem Einfluss des Malers nicht entziehen.
„Vicky Christina Barcelona“ ist natürlich zu Vorderst eine äußerst gefällige Beziehungs-Komödie die mit allerhand Klischees zu spielen weiß. Der heißblütige Latino, dem die Frauen ob seines südländischen Charmes zu Füßen liegen, die nicht weniger glühende Maria Elena, die voll des ungebremsten Jähzorns durch die Geschichte wirbelt. Dort die kühle und rationale Brünette, und da die verführerische Blonde. Dazu noch Barcelona, eingefangen als einziges Postkarten-Motiv, ebenso wie die katalanische Landschaft und das südländische Flair des Laissez-Faire. Wenn dann von Allen sogar noch das Bild des materiellen Amerikaners und des geistig-kultivierten Europäers bedient wird, ist der Reigen an Klischees, welche von Allen,zum Amüsement des Zuschauers bemüht und gezeichnet werden, komplett. Doch ist es in diesem Fall gerade das gekonnte Spiel mit überstilisierten Stereotypen, welches „Vicky Christina Barcelona“ funktionieren lässt, welche dem Film zum Vorteil gereichen, weil sich aus eben diesen Bildern ein Großteil des Humors speist, der dem Film innewohnt. Begleitet von einem allwissenden Erzähler, dessen Stimme durch den Film führt, der dabei auf Vicky und Christina stets herabzublicken scheint, entspinnt sich in der Folge ein kompliziert anmutendes Geflecht von Beziehungen und Verstrickungen. Und je länger der Film währt, so scheint es jedenfalls, verliert der Film ein winziges Stück von seiner anfänglichen exzessiven Leichtigkeit, driftet ab in reflexive Betrachtungen über die Liebe, Sex, Romantik und Beziehungen und verleiht dem Geschehen eine geradezu nachdenklich angehauchte Note, die Allens Spiel mit den Klischees dann eben nicht nur in komödiantischen Regionen verharren lassen, sondern viel mehr die Frage zulässt ob Vicky, Christina oder auch José Antonio wirklich frei in ihren Entscheidungen sind, oder nicht viel mehr ihren eigenen Ängsten, Befürchtungen und per se als absolut gesetzten Konventionnen unterworfen sind?
Und doch bleiben diese Gedankengänge nur am Rande, nuanciert eingestreut und gezielt lanciert, es dominieren die Bilder, es dominiert die feurige Hitze des spanischen Sommers, das mediterrane Flair, die Kultur Spaniens und Barcelonas und vor allem natürlich das erotisch aufgeladene Spiel der Protagonisten, die vor dem südeuropäischen Setting von Allen in das rechte Licht gesetzt werden. Natürlich, Johansson ist die Rolle der verführerischen und sinnlichen Frau, wie auf den Leib geschrieben, Allen musste sie nur dementsprechend positionieren und die Kamera laufen lassen. Das Rebecca Hall schauspielern kann und von daher mit ihrer im späteren Verlauf von Selbstzweifeln zerfressenen Protagonistin keinerlei Probleme hat, ist ebenso bekannt. Doch der Film gehört zu Vorderst natürlich nicht diesen beiden Schauspielerinnen, auch wenn sie die Protagonisten verkörpern, die dem Film den Namen geben, sondern den beiden spanischen Akteuren, die sich hier in ihrer Heimat austoben dürfen und denen man den Spaß am Spiel zu jedem Zeitpunkt abnimmt. Javier Bardem hat sichtlich seine Freude an der Verkörperung des charismatischen Latinos. Der absolute Höhepunkt aus schauspielerischer Sicht stellt jedoch ganz ohne jeden Zweifel Penélope Cruz dar, die zwar erst zu einem relativ spätem Zeitpunkt auf der Bildfläche erscheint, dafür dann aber mit einer darstellerischen Physis präsent ist, die zu beeindrucken weiß. Penélope Cruz knüpft in ihrer Rolle der mit aller Leidenschaft tobenden, fluchenden, schimpfenden, und stets am Rande des Zusammenbruchs wandelnden Spanierin nahtlos an ihre darstellerische Leistung in dem spanischen Film „Volver“ von 2006 an und zeigt einmal mehr wo ihre wahren Qualitäten liegen, die sie eben nicht in plumpen hollywoodsche Rollen vergeuden sollte.
Mit „Vicky Christina Barcelona“ ist Woody Allen erfreulicherweise ein Film gelungen, der in den meisten Belangen zu überzeugen weiß. Eine Sommer-Episode voller Wein und Gitarrenmusik, welche luftig, leicht, sinnlich und sexy von den Irrungen und Wirrungen der Liebe zu erzählen weiß. Ein Film zum Zurücklehnen, der auf äußerst amüsante Art und Weise seine Geschichte zu erzählen vermag, der durch seine Bilder und seine Darsteller betört, der den Zuschauer für neunzig Minuten in das mediterrane Klima Spaniens entführt, der voller Genuss mit seinen bemühten Klischees spielt. Ein Film, den man einfach mal eben so goutieren kann und dies auch sollte. Mit diesem Film hat Woody Allen schlussendlich gezeigt, dass mit ihm weiterhin zu Rechnen ist, und es hat sich auch gezeigt und da schließt sich der Kreis dieser Besprechung, dass die Ovationen in Cannes gerechtfertigt waren. - Fazit: 8 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Vicky Christina Barcelona". © by Concorde, Mediapro, Gravier Productions, Antena 3 Films, Antena 3 Televisión






15 Kommentare:
Sehr amüsant, unsere Besprechungen sind sich ziemlich ähnlich und teilweise identisch. Abgesehen davon, dass ich keinen Determinismus erkannt haben will. Zudem stehe ich Allen weit weniger kritisch gegenüber, einschließlich seiner britischen Trilogie. Aufgrund ihrer Ernsthaftigkeit bilden MP und CD hier ohnehin Ausnahmen in meinen Augen und ein SCOOP braucht sich nicht groß vor einem SMALL TIME CROOKS oder MIGHTY APHRODITE verstecken. Wenn man sich Allens Filmographie in ihrer Gänze mal zu Gemüte führt, merkt man zum einen was ihn generell ausmacht und dass Filme wie ANNIE HALL oder HANNAH AND HER SISTERS, die als Meisterwerke erachtet werden, ... ich will nicht sagen die Ausnahme von der Regel sind, das würde die anderen Filme herunterstufen, aber eben spezieller. Wenn ich an Woody Allen denke, dann denke ich nicht zuerst an MANHATTAN oder ANNIE HALL, sondern an BANANAS oder ZELIG. Und auf deren Niveau (welches ich durchaus überdurchschnittlich ansiedele) können auch seine letzten Filme wie SCOOP oder VCB anknüpfen. Worauf ich damit hinauswollte, ist, dass Allen meiner Ansicht nach nicht zeigen musste, dass mit ihm weiterhin zu Rechnen ist, denn diese würde ja eine Schaffens"krise" implizieren, die ich selbst nicht vorgefunden habe.
Oh Mein Gott, Bananas. Was ist der geil, und vor allem zeitlos. Das ist ja gerade das tolle an Allen, er versteckt Tiefsinniges unter der banalen Oberfläche. Was mußte ich lachen, als man ihm nach MP vorwarf, sich nicht wirklich in der britischen Upperclass auszukennen. Als ob es darum in seinem Film ginge.;)
Woody Allen super aber warum mit Scarlett Johansson??? Ich kann diese Frau nicht ertragen. Ic hweiß nicht warum aber ich kann keinen Film mit ihr schauen. Wenn ich diese komische Schnute schon sehe, die sie immer zieht. Furchtbar! Was findet Hollywood und der Rest der Welt nur an dir? Ich finde sie ist nicht mal ein sehr gute Schauspielerin! Warum nur??
Hehe, wirklich zwei Punkte mehr. Er bleibt sich treu. ;)
Wenn ich diese komische Schnute schon sehe, die sie immer zieht.
Na die ist doch gerade das gute an ihr.;)
@Florian:
Determinismus in dem Sinne, dass ja eigentlich alle Protagonisten in ihren Beziehungen anders gewollt haben, als sie schlußendlich konnten, eben weil sie durch Ängste, Mutlosigkeit, Konventionnen, etc. in einem alles verändernden Schritt determiniert worden sind.
Zu Allen: Schaffenskrise hin oder her, soweit würde ich auch nicht gehen wollen, aber ich fand "Scoop" halt recht beliebig, so dass ich zum Besipiel den 2001 gedrehten "Im Bann des Jade Skorpions" mit Allen und Hunt in den Hauptrollen weitaus komischer fand.
@Franzi:
Nana, Johansson-Blasphemie ist auf diesem Blog eigentlich verboten - Sogar Johansson-Kritiker Rajko hat sich das verkniffen. ;-)Aber tumulder hat ja darauf schon die passende Antwort gegeben. Ich hönnte dies jetzt natürlich noch weiter ausführen, da dies aber mit ziemlicher Sicherheit auf eine "Ode an Scarlett" hinaus laufen würde, verkneife ich mir dies mal an dieser Stelle.
@Rajko:
Hehe! Stimmt, aber die 8 Punkte hätte es auch so gegeben. ;-)
Na wenn das Determinismus ist, hat ja niemand einen freien Willen mehr ;)
(...) so dass ich zum Besipiel den 2001 gedrehten "Im Bann des Jade Skorpions" mit Allen und Hunt in den Hauptrollen weitaus komischer fand.
Das wundert mich. Denn Allens Humor ist in seinen Filmen eigentlich grundsätzlich gleich/ähnlich.
Na wenn das Determinismus ist, hat ja niemand einen freien Willen mehr ;)
Ja, da hast du vielleicht Recht. Ich nehme das mal in dieser Schärfe raus, und werde es neu formulieren. Ich hatte halt den Eindruck, dass Allen an gewissen Stellen - Komödie hin oder her - doch auch ein latent pessimistisches (Beziehungs)Bild gezeichnet hat...
Denn Allens Humor ist in seinen Filmen eigentlich grundsätzlich gleich/ähnlich.
Auch hier hast du Recht, doch war mein subjektiver Eindruck so, dass ich den Humor im "Skorpion" weitaus pointierter als in "Soop" fand...
PS: Was ist denn das hier jetzt ständig mit euren Nicknames? ;-)
Ich mach auf etwas seriöser und hatte die Wahl zwischen der Adaption von deinem Nick mit Initialen oder dem von MVV und hab mich für letzteren entschieden. Allerdings mag ich selbst lieber die Abkürzung von meinen Eigennamen und daher bleibt das nun so. :)
Bei mir kam das irgendwie ohne wirkliches Zutun. Ich hätte sogar ganz gerne wieder meinen Vega-Namen zurück. ;(
Ach ja: Ich habe noch gar nicht genug Scarlett-Bashing veranstaltet merke ich gerade. *gg*
Mir ist gar nicht bekannt, daß Allen eine Beziehung schon einmal nicht pessimistisch gezeichnet hätte.;)
@ Rajko:
Ich habe noch gar nicht genug Scarlett-Bashing veranstaltet merke ich gerade
Ja, hat mich auch echt gewundert. ;-) Aber vielleicht lag es ja auch daran, dass ich mich im Zuge der Rezi mit Scarlett-Lobhudelei zurückgehalten habe. ;-)
@ tumulder:
Hab ja erst vier oder fünf Allen-Filme gesehen muss ich dazu sagen. ;-) Aber du hast recht, auch in diesem beschränkten Auschnitt ist das Bild tendenziell pessimistisch. Wobei: Am Ende vom "Jade-Skorpion" bekommt der Held ja seine Heldin, auch wenn der Weg dorthin schwierig und steinig war...
@ tumulder und C.H.
Dann bin ich mal lieber ruhig^^
Der beste Film des Jahres!
Naja, ich fand Scarletts Schnute nur ein Mal wirklich anstrengend unangenehm auffallend, nämlich in diesem einen Film, wo ihr Macker anfängt in der Firma ihres Vaters zu arbeiten... Aber sonst! Klasse Frau :-) Und Barcelona erst recht... war so fernwehvoll danach, dass ich direkt n Flug gebucht und mir einen Faltplan ( http://skylines.at/skylines/84/index.php ) ausgedruckt hab ;-)
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