

Das Getreide auf den Feldern wogt sanft im warmen Sommerwind. Noch weiß niemand, welcher Schrecken sich in naher Zukunft über Europa legen wird. Man schreibt den Juli 1914 und in wenigen Tagen wird es Krieg geben. Ein Krieg, der mörderischer, schrecklicher und monströser sein wird, als alles bisher bekannte. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wird das blutigste Jahrhundert in der bisherigen Geschichte der Menschheit einleuten. Der Frieden, der 1918 nach vier Jahren Krieg geschlossen wird, ist nur von kurzer Dauer. 1939 wird die um die Jahrhundertwende geborene Kindergeneration einen zweiten, noch grausameren Krieg anzetteln, der nicht nur direktes Resultat des Ersten Weltkriegs ist, sondern dessen gesellschaftliche Ursächlichkeiten einige Jahrzehnte zurückreichen. So suggeriert es jedenfalls Michael Haneke in seinem neusten Film „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“. Der Österreicher gehört ohne jeden Zweifel zu den kontrovers rezipierten Persönlichkeiten seiner Zunft. Filme wie zum Beispiel „Funny Games“ fanden bei Kritik und Publikum nicht nur Gefallen, sondern wurde zum Teil auch das Ziel heftiger Kritik. „Das weiße Band“ jedoch kam bei der Masse der Kritiker überaus gut an und wurde in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet. Aus dieser Perspektive ist es nur konsequent, dass Hanekes Gesellschaftsstudie auch der Beitrag sein wird, den Deutschland bei der nächsten Oscarverleihung ins Rennen um die begehrte Goldstatue schicken wird.
Eichwald in den Jahren 1913 und 1914. Es ist kleines und protestantisches Dorf irgendwo im norddeutschen Flachland. Die meisten Bewohner der kleinen Siedlung bestreiten ihren Unterhalt, indem sie für den ansässigen Baron (Ulrich Tukur) arbeiten. Dieser ist bei der einfachen Bevölkerung nicht sonderlich beliebt, dafür aber auf Grund seiner Autorität geachtet. Als der örtliche Arzt (Rainer Bock) eines Tages Opfer einer perfiden Attacke wird – ein heimlich gespanntes Drahtseil bring sein Pferd zu Fall - ist der dörfliche Frieden zum ersten mal gefährdet. Und es wird nicht bei dem einen Unglück bleiben: Die Frau eines Bauern wird durch einen mysteriösen Sturz im Sägewerk ums Leben kommen. Nur wenig später wird zunächst der Sohn des Barons schwer misshandelt aufgefunden, bevor es auch den jungen, geistig behinderten Karli treffen wird, der dabei fast sein Augenlicht verliert. Missgunst, Angst und Misstrauen prägen in der Folge das Miteinander im Dorf. Auch der örtliche Pastor (Burghat Klaußner), der zu Hause mit eiserner Hand regiert, weiß nicht, was in Eichwald vor sich geht. Zu spät entscheidet sich der Baron, polizeiliche Hilfe aus der Stadt in Anspruch zu nehmen. Der Einzige, der langsam aber sicher einen schrecklichen Verdacht hegt, ist der junge Lehrer (Christian Friede) des Dorfes.
Dieser ist es auch, der viele Jahre später als alter Mann die Geschichte erzählen wird. Dabei weist die alte und zittrige Stimme aus dem Off von Beginn an darauf hin, dass er vieles von dem er im Folgenden berichten möchte nur aus zweiter Hand erfahren hat, er bei vielen Ereignissen aber auch direkt dabei gewesen sei. Auf jeden Fall, so fügt er noch hinzu, soll sein Zeugnis dazu beitragen auf die Dinge, die in den folgenden Jahren geschehen sind, ein erhellendes Licht zu werfen. Auch wenn sich Michael Haneke an dieser Stelle durch die eingestandene Subjektivität der Perspektive absichert, erhebt er gleichzeitig auch einen universell erklärenden Anspruch. Darüber wird noch zu Reden sein. Einstweilen beginnt „Das weiße Band“ durch ein betont langsames Einblenden des Bildes, so als müsste der Erzähler mühsam in seinen Erinnerungen kramen, um die damaligen Ereignisse wieder an die Oberfläche zu zerren. In elegischen schwarz-weiß Bildern gekleidet, vermittelt Haneke allein schon durch seine Farbwahl den unterschwelligen Eindruck von gewollter Authentizität. Im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft firmiert der Beginn des 20. Jahrhunderts in Film und Fotografien nun mal als schwarz-weiße Periode, so dass Haneke beizupflichten ist, wenn er die Meinung vertritt, dass „Das weiße Band“ als Farbfilm nicht funktioniert hätte. Inszenatorisch verlässt sich Michael Haneke dabei auf eine merkwürdig erstarrt wirkende Landschaft. Bäume scheinen sich im Wind kaum zu bewegen und spätestens wenn der Schnee die norddeutsche Tiefebene in ein monotones weiß getaucht hat, ist Hanekes Filmstil als gelungene Allegorie auf den gesellschaftlichen Stillstand im Kaiserreich am Übergang zur Moderne zu verstehen.
„Das weiße Band“ ist zunächst nicht viel mehr als ein Sittengemälde des wilhelminischen Zeitalters. Die in der damaligen Gesellschaft virulente Autoritätshörigkeit verdichtet sich in dem von Haneke zu einem Makrokosmos verdichteten Dorf bis in seine extremste Formen. Wenn man es auf den Punkt bringen wollte, dann könnte man das von Haneke skizzierte Gesellschaftsgefüge auf die Phrase „nach oben wird gebuckelt, nach unten wird getreten“ reduzieren. Das Diktat des väterlichen Patriarchats durchzieht „Das weiße Band“ quer durch alle skizzierten Gesellschaftsschichten. Am offensichtlichsten wird dies durch den protestantischen Pastor im Dorf, der zu keiner Gefühlsregung in der Lage scheint, seine Kinder prügelt und dabei nicht nur physisch, sondern auch psychisch demütigt, und wenn es sein muss auch ans Bett fesselt, damit diese sich nicht in der Nacht „an den feinsten Nerven des Körpers versündigen“. Über die zweistündige Spielzeit hinweg ist Hanekes Intention unmissverständlich: Wer als Kind durch diese Hölle von Bestrafung Erniedrigung und Gefühlskälte gegangen ist, wird später ebenfalls zu solchen Dingen in der Lage sein. Gewalt erzeugt Gegengewalt ist die Botschaft, die Haneke an dieser Stelle also (mal wieder) ventiliert und das nicht ausschließlich in der Zukunft, sondern bereits in der Gegenwart.
So eindrücklich nämlich die erwachsenen Darsteller in „Das weiße Band“ aufspielen, sind es doch die Kinder (Respekt vor den eindrücklichen darstellerischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen), die dem Film den Stempel aufdrücken. Eine erschreckende Kälte und Leere durchzieht ihre Gesichter, denen sämtliche menschliche Regung abhandengekommen ist. Sie stecken ein, um später austeilen zu können. Es ist keine große Überraschung, welcher ungeheuerlicher Verdacht schon bald im Zuschauer keimen muss. Das weiße Band, also das Zeichen der Unschuld, welches der Pastor seinen Kindern als Mahnung umbindet, ist letztendlich nicht mehr als der blanke Hohn. Zumal in der Dorfgemeinschaft unter dem Deckmantel von wilhelminischer Sitte, Anstand und Moral Zustände herrschen wie in Sodom und Gomorrha. Da wird der Geschlechtsverkehr zu einer ekelerregenden Triebabfuhr nebst zugehöriger Demütigung der Frau, die sich dem männlichen Selbstverständnis unterwirft, während der örtliche Arzt ungestraft seine eigene Tochter missbraucht. Und so ist es auch das schweigende Wegsehen das Michael Haneke in „Das weiße Band“ thematisiert. Aus rein filmischer Perspektive ist der Film somit eine eindringliche Tour de Force für den Zuschauer, bis in die letzte Rolle exzellent besetzt, dabei ebenso beeindruckend gespielt, wie inszeniert.
Richtig interessant wird „Das Weiße Band“ jedoch erst auf der inhaltlichen Ebene. Michael Haneke hat in Sachen „Das Weiße Band“ zu Protokoll gegeben, dass er mit seinem Film überhaupt keine Botschaft vermitteln wolle. Mit Verlaub Herr Haneke, ich glaube Ihnen nicht. Sowohl die deutsche, als auch die internationale Kritik haben Michael Hanekes Film schnell als Statement hinsichtlich des heraufziehenden deutschen Faschismus verstanden. Michael Haneke hat dies zwar nicht dementiert, möchte den Film aber zuvorderst als generelle Parabel auf die Entstehungsparadigmen von totalitärer Gewalt verstanden wissen. Und so plausibel es scheint emotionale Entmenschlichung, den Verlust von Mitleid und Empathie als Wurzel von struktureller Gewalt zu zeigen, so wenig einleuchtend ist Hanekes nun geäußerter Anspruch die Botschaft seines Films über die deutsche Geschichte hinaus zu transzendieren. Zum einen nämlich geben Ort und Zeit der Handlung bereits die Richtung vor und zum anderen muss der wohl kaum zufällig gewählte Name des Dorfes (Eichwald) selbst bei Menschen mit einem nur mittelmäßigen Geschichtsbewusstsein unheilvolle Assoziationen wecken. Wenn Haneke dann noch dazu seinem erzählenden Protagonisten zu Beginn die Kompetenz zuspricht, mit seiner Geschichte nachfolgende Ereignisse erhellen, also erklären zu können, dann ist der offensichtlich gewollte Bogen zum Faschismus und insbesondere dem deutschen Nationalsozialismus endgültig geschlagen. Daraus ergibt sich für mich eine These, die ohne jeden Zweifel diskutabel ist, sollt sie jedoch zutreffen von Haneke hoffentlich so nicht intendiert worden ist.
Vor einigen Jahren sorgte der amerikanische Politologe Daniel Goldhagen für einen heftigen Historikerstreit in Deutschland. In seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ vertrat er die Prämisse eines in der deutschen Gesellschaft tief verankerten „eliminatorischen Antisemitismus“, der direkt in den Holocaust geführt habe. Diese These, die eine gesamte Gesellschaft in Kollektivschuld nimmt, ist in der Folge zu Recht scharf angegriffen worden. Wenn Michael Haneke nun in „Das weiße Band“ die zukünftige Tätergeneration durch die Bank weg als Opfer psychischer und physischer Gewalt zeigt, dann suggeriert Haneke zumindest unterschwellig das Gegenteil von Goldhagens These: Die Tätergeneration als Opfer gesellschaftlicher Umstände. Das ist eine Sichtweise, die nicht gewollt werden kann. Fairerweise muss man natürlich an dieser Stelle auch konzediert werden, dass Haneke mit „Das weiße Band“ nur einen einzigen und isolierten Erklärungsansatz bietet, der andere Faktoren nicht berücksichtigt, so dass es vielleicht in der Tat vermessen ist, Haneke unterstellen zu wollen mit seinem Film den Urschlamm des Nationalsozialismus erklären zu wollen. Nichts desto trotz: Michael Haneke tut - wie bereits erwähnt - sehr viel dafür, ob nun gewollt oder nicht, seinen Film in den zeithistorischen Kontext der spezifisch deutschen Geschichte zu verorten. Am Ende von „Das Weiße Band“ ist der Krieg ausgebrochen, die Spirale der Gewalt in Gang gesetzt. Die jungen Männer des Dorfes werden mit Blumen am Revers am sonntäglichen Gottesdienst ins Feld verabschiedet. In den folgenden Jahren werden sie in Tannenberg, Verdun, an der Somme und in Flandern kämpfen, töten und sterben, während die Kindergeneration von 1914, die von Haneke so erschreckend dargestellt worden ist, in den Krieg von 1939 ziehen wird. - Fazit: 7 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte". © 2009 X-Verleih






5 Kommentare:
Unsere Punktzahl ist zur Abwechslung mal dieselbe. Ich brauchte ehrlich gesagt erstmal Zeit, um in den Film reinzukommen, aber nach und nach hat er mich dann doch fesseln können. Übrigens war ich der einzig Jüngere inmitten von älteren Leuten.^^
Kannst du denn überhaupt trotzdem das Goldhagen-Buch empfehlen ("Hitlers willige Vollstrecker"), um eventuell eine andere Sichtweise auf das Thema zu gewähren? Ich bin auf ihn im Rahmen eines Spiegel-Interviews gestoßen, als er sein neues Buch vorgestellt hat und hab' dann mal nachgeforscht. Es gab in der Tat fast keinen Einzigen, der die Thesen Goldhagens unterstützt hat.
Oh ja, das Interview hab ich auch gelesen und mein Blutdruck stieg spürbar. ;-)
Aber im Ernst: Goldhagen hat mit seiner Monographie seiner Zeit einen Hisotrikerstreit in Deutschland ausgelöst, der in der Retrospektive mit Sicherheit nötig und fruchtbar gewesen ist. Das ändert aber nichts an den eklatanten inhaltlichen Mängeln seiner Studie. Schon für seine in den Teilen 1 und 2 aufgestellte Exegese des deutschen Antisemitismus ist er von zahlreichen Seiten (meiner Meinung nach zu Recht) angegriffen worden. Letztendlich krankt seine Monographie aber vor allem an einem methodischen Problem: Goldhagen geht wie gesagt von einem in der gesamten deutschen Gesellschaft vorhandenen eliminatorischen Antisemitismus aus, behandelt in seinem Buch aber nur 3 Fallbeispiele: Nämlich zum einen die Polizeibataillone, die Todeslager, sowie die Todesmärsche. Von den empirischen Erkenntnissen von 3 Fallbeispielen, so gelungen sie für sich selbst auch sein mögen, auf eine Gesamtgesellschaft schließen zu wollen ist aus historiographischer Sicht jedoch grober Unfug. Da merkt man eben doch das Goldhagen Politikwissenschaftler ist, und eben kein Historiker. Aber ich will dir die Lektüre nicht ausreden: Wenn du dich an die 650 Seiten ranwagen willst, dann nur zu. Ich allerdings würde dir dann allerdings empfehlen das Buch selektiv zu lesen. Vielleicht sogar das Kapitel zu den Polizeibataillonen, da Goldhagen interessanterweise für dieses Kapitel die selben Quellen benutzt wie Christopher Browning („Ganz normale Männer), aber zu anderen Ergebnissen kommt. Goldhagen und Browning (dessen Buch im Übrigen zu erst da war) haben sich in der Folge interessante Debatten zu diesem Thema geliefert. Und zum Schluß dann doch noch eine persönliche Empfehlung: Wenn du eine der beiden Monographien „richtig“ lesen willst, dann greif zu der von Browning. Da hast du mehr von. ;-)
Der Lehrer wird von Christian Friedel gespielt, du hast aber den Sprecher des alten Lehrers angeführt (ein Missverständnis, glaube ich).
Zum Film selbst: ich finde keine Faschismusparabel, nicht mal eine richtige Geschichte. Das, was interessant ist (die Beziehung des Lehrers und von Eva) wird irgendwann fallen gelassen bzw. ist seine Integration in die restliche Handlung vollkommen nebensächlich sprich nichtig. Die Kinderdarsteller fand ich auch eher schlecht als recht. Und selbst wenn der Film eine Faschismusparabel sein sollte, oder sagen wir mal er ist es nur seh ich es nicht, dann gibt diese Parabel, zumindest in meinen Augen, keinen Sinn. Sogar in mehr als einer Hinsicht. Hoffentlich gewinnt so ein Schund nicht auch noch Oscars für unser armes heiliges Deutschland...
Nun, da sind wir uns ja schon mal einig das der Film nicht das oftmals kolportierte Meisterwerk ist. Allerdings hab ich so das Gefühl das ich den Streifen bei weitem nicht so desaströs sehe wie du. ;-)
Nicht nur "im Altreich" haben sich die Bürger an den Juden vergangen. In Wien waren grosse Menschenjagden, von ungeheuren Menschenmassen in den Strassen durchgeführt, Misshandlungen und Folter 1938 gang und gäbe. Mit Sicherheit liefert Haneke eine wichtige Teilerklärung für das, was "im Altreich" geschah. Der jahrhundertelange Antisemitismus und "der Jude" als Ventil für eigenes Versagen und eigenen Frust hat eben Traditionen.
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