Rezension: "Crazy Heart"












Jetzt hat auch Jeff Bridges endlich seinen Oscar bekommen, den er sich ins Wohnzimmer stellen kann. Es hat ja auch lang genug gedauert. Viermal war der Charakterdarsteller, der als The Dude aus „The Big Lebowski“ internationalen Kultstatus genießt, für den Oscar nominiert, bevor es nun beim fünften Anlauf geklappt hat. Die diesjährige Oscarverleihung war, gerade was die Themen der prämierten Filme und der darin ausgezeichneten Darsteller angeht, eine sehr Amerikanische Angelegenheit. Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“, der große Gewinner des Abends, nimmt sich der im Irak stehenden amerikanischen Truppen an, Sandra Bullock wurde in „Blind Side“ als großherziges Muttertier, sprich als Idealbild der amerikanischen Familie, ausgezeichnet. „Crazy Heart“ schließlich, für den Bridges nun seinen längst überfälligen Oscar bekam, handelt vom Leben eines abgehalfterten Country-Sängers: Country-Musik, Whiskey, Zigaretten und die untergehende Sonne in den Weiten der texanischen Landschaft. Amerikanischer geht es eigentlich gar nicht mehr. Das Kino hat nun schon immer ein besonderes Interesse an gefallenen, tief gestürzten Figuren gehabt. Im letzten Jahr vermochte Darren Aronofsky mit „The Wrestler“ zu bewegen, dessen Zugpferd Mickey Rourke sich im Rennen um die Oscars nur knapp Sean Penn geschlagen geben musste. Wenn jetzt zwischen diesen beiden Filmen immer wieder Parallelen gezogen werden, dann ist dies so verkehrt nicht, zeigt aber auch – wenn man diesen Vergleich schon wagen möchte – dass „Crazy Heart“ nicht an „The Wrestler“ heranzureichen vermag.


Bad Blake (Jeff Bridges) ist mittlerweile 57 Jahre alt und am Boden seiner Karriere angekommen. In seiner alten Karre, von ihm liebevoll „Bess“ genannt, tingelt der alte Country-Haudegen quer durch die USA, spielt in kleinen Spelunken vor kleinem Publikum für kleines Geld. Als ihm eines Tages irgendwo zwischen der nächsten schnellen Nummer und der nächsten Flasche Whiskey die junge Reporterin Jean (Maggie Gyllenhaal) über den Weg läuft, und in um ein Interview bittet, schämt er sich zum ersten mal seit langer Zeit seines Aussehens und seiner schäbigen, nach Qualm und Alkohol stinkenden Unterkunft. Über das Interview kommen sich Jean, die einen vierjährigen Sohn alleine großziehen muss, und Blake näher. Es ist eine Romanze, die auf Grund Blakes Alkoholproblem und Jeans Angst wieder einmal von einem Mann enttäuscht zu werden, ständig auf einem schmalen Grat zwischen Absturz und Glück wandelt. Beruflich jedoch geht es auch weiterhin nicht wirklich voran, so dass Blake aus Geldnot einwilligt als Vorgruppe für seinen einstigen Zögling Tommy Sweet (Colin Farrell) aufzutreten, der mittlerweile aus dem Schatten seines Meisters getreten ist. Dieser bittet ihn nach dem Gig einige neue Songs für ihn zu schreiben. Mit den Worten, dass er nicht mehr schreibe, setzt sich Blake in sein Auto und landet einen Sekundenschlaf später mit gebrochenem Knöchel im Straßengraben.


Crazy Heart“ ist das Regiedebüt von Scott Cooper, der sich der gleichnamigen Romanvorlage von Thomas Cobb annahm. Auch wenn „Crazy Heart“ somit, anders als etwa „Walk the Line“ keine Biographie ist, so spiegelt sie doch mit Sicherheit das Leben der einen oder anderen Countrygröße wieder, bei denen Aufstieg, Alkohol und Niedergang oftmals Hand in Hand einher gingen. Eines der Probleme des Films ist nun mit Sicherheit das an Überraschungen arme und in seiner Dramaturgie überaus konventionelle Drehbuch, das man genau so, oder in ähnlicher Form, schon oft gesehen hat: Dem tiefen Fall folgt die eine Phase der Hoffnung, nur am anschließend noch tiefer zu fallen. Spätestens ab diesem Moment gabelt sich dann der Weg. Entweder man schlägt die Richtung ein, die „The Wrestler“ im letzten Jahr genommen hat, oder aber man entscheidet sich, so wie Cooper, für einen etwas versöhnlicheren Weg. Leider aber gibt es in „Crazy Heart“ mehr als einen Wegpunkt, an dem Cooper schnell vorbei hastet, wo er hätte besser verweilen sollen. Wenn Blake quasi über den gesamten Film als schwerer Alkoholiker gezeichnet wird, kann man seinen Entzug nicht in zwei, dazu sonnendurchfluteten Bildern, abhaken. Es sind genau jene Augenblicke, die „Crazy Heart“ den Status eines potentiellen Klassiker verbauen und seine Schwächen überdeutlich hervortreten lassen.


Dass es sich bei „Crazy Heart“ dennoch um einen von der Wirkung sehr starken Film handelt, ist Jeff Bridges geschuldet. „Crazy Heart“ mag nicht sein bester Film, ja noch nicht einmal seine beste Rolle gewesen sein, doch ist dies eine Rolle für den er sich den Oscar mehr als verdient hat. Wie er diesen abgehalfterten Sänger spielt, ja, wie er ihn bis in die letzte Pore lebt, ist schon ganz großes Kino. Und wenn dieser schwammige, nach Alkohol und Tabak stinkende Klotz geradezu liebevoll seine Gitarre putzt, obwohl um ihm rum alles andere verdreckt, dann weiß man wo dessen Leidenschaft, seine Bestimmung liegt. Bridges gelingt es dies glaubwürdig, aber auch stets mit einem humorigen Note versehen, zu spielen. Aber es ist nicht nur Bridges, der in dem Film zu glänzen vermag. Auch Colin Farrell und Maggie Gyllenhaal tragen dazu bei, dass ihre Nebenrollen nicht zu Nebenfiguren verkommen, sondern vielmehr unersetzliche Mosaiksteine im Ganzen werden. Gerade die Beziehung zwischen Bad und Jean gerät trotz des großen Altersunterschieds überraschend überzeugend, was zuvorderst ein Verdienst der Darsteller ist. Neben diesen ist, wie könnte es in so einem Film natürlich anders sein, die Musik von eminent wichtiger Bedeutung. Ryan Binghams Titelsong „The Weary Kind“ ist zu recht mit dem Oscar für den besten Filmsong bedacht worden. Allgemein gilt: Wenn die Musik in einem Film als dessen organischer Bestandteil dessen und nicht als zusätzliches Mittel empfunden wird, dann ist das chrakteristisches Merkmal eines großartigen und mit Bedacht zusammengestellten Soundtracks – bei „Crazy Heart“ ist dies der Fall.


Trotz all seiner Brüche, Ecken und Kanten ist „Crazy Heart“ also ein sehr versöhnlicher Film geworden, der klar auf seinen Hauptdarsteller zugeschrieben ist. Klare Gegensätze sind dabei nicht auszumachen. Tommy Sweet, dieser Superstar des neuen Country, ist nicht das herzlose Arschloch, für das man ihn vorher vielleicht hätte halten können: Er weiß wo er herkommt, wem er seinen Erfolg zu verdanken hat, und bringt Bad Blake den Respekt entgegen, den dieser verdient. Und wäre Blake nicht lange Zeit zu besoffen und zu Stolz gewesen, er hätte dies gesehen. Am Ende ist der alte Sänger mit sich im Reinen und beginnt wieder Songs zu schreiben: Nicht für sich, sondern für seinen ehemaligen Zögling, der mittlerweile die Plätze füllt. Summa summarum mag „Crazy Heart“ also nicht perfekt geraten sein, doch hat der Film, wie auch seine Hauptfigur, das Herz am rechten Fleck. Und wenn ein Film, wenn die beteiligten Darsteller, ja, wenn die Musik so viel Herzblut verströmen und wenn das Publikum dies auch spüren kann, dann ist man gerne dazu bereit über vorhandene Schwächen hinwegzusehen. - Fazit: 7 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Crazy Heart". © 2010 Fox


3 Kommentare:

Flo Lieb hat gesagt…

Have you ever seen a half sucked on Smint ... then you have seen me. ;-)

Ihr Musik-Fanboys.

christiansfoyer hat gesagt…

Über den überfälligen Bridges-Oscar muss man ja nicht mehr viel diskutieren. Ich hoffe, dass auch Maggie Gyllenhaal, wenn auch letztlich "nur" nominiert, der zusätzliche Schub ein paar Karrieremeter nach vorne hilft. Und Colin Farrell darf man dann auch langsam mal ernst nehmen, und wenns nur dafür ist, dass ich mir dafür auf die Schulter klopfen kann, es von Anfang an getan zu haben ;)

Viktoria hat gesagt…

Hallo,

falls Dir die Musik zum Film gefallen hat, dann gibt es hier eine kleine Neuigkeit:

Ryan Bingham & The Dead Horses machen im November eine kleine Deutschland-Tour:
8.11. München / Backstage Club
9.11. Berlin / Comet
10.11. Köln / Underground

Liebe Grüße
Vik

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