

Lew Nikolajewitsch Tolstoi gehört zu den berühmtesten Literaten der Weltgeschichte. „Krieg und Frieden“, Tolstois Magnum Opus, hat bis Heute unzählige Leser wahlweise begeistert, oder aber ob dessen gewaltigen Umfangs gequält. Selbstredend ist besagtes Werk Gegenstand zahlreicher Literaturverfilmungen geworden, die sich – mal mehr und mal weniger gelungen – an einer Adaption der Romanvorlage versuchten. In „Ein russischer Sommer“ hingegen steht weniger das künstlerische Schaffen des russischen Schriftstellers im Vordergrund, sondern dessen letztes Lebensjahr, das von zahlreichen inneren und äußeren Konflikten geprägt war. Auf Grund seiner offen kommunizierten, Politik und Kirche harsch kritisierenden, Ansichten von der Obrigkeit unter ständiger Beobachtung gestellt, 1901 schließlich gar exkommuniziert, sollte Tolstoi seinen Lebensabend noch dazu im ständigen Konflikt mit seiner Frau Sofia Tolstoi verbringen. Diese lehnte Tolstois Plan, die Rechte an seinen Werken nach dessem Tod dem russischen Volk zu vermachen, ab. Ob dieser Streitigkeiten kam es schlussendlich zum Bruch zwischen den Eheleuten, so dass sich Tolstoi auf den Weg zu seiner letzten Reise machte. Tolstoi sollte jedoch nicht weit kommen. An einer Lungenentzündung erkrankt, starb Tolstoi von der Weltpresse umringt am 20. November 1910 in einem kleinen Banhofshäuschen inmitten Russlands.
Der zum Teil in Deutschland gedrehte und von Michael Hoffman inszenierte Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des amerikanischen Schriftstellers Jay Parini, der sich der letzten Station im Leben Tolstois annimmt. „The Last Station“, wie Roman und Film im Original benannt sind, erweist sich im direkten Vergleich zur deutschen Übersetzung also als ungleich gelungenerer Titel eines Films, der sich daran versucht, die Beziehung zwischen Lew und Sofia Tolstoi in den Vordergrund zu rücken. Mit Christopher Plummer und Hellen Mirren konnten für den Film zwei hervorragende Charakterdarsteller gefunden werden, die das stete Wechselspiel zwischen Annäherung und Entfremdung auf nuancierte und tiefgründige Art und Weise umsetzen. Allerdings zeigt sich mit zunehmender Spielzeit, dass die beiden Hauptdarsteller die beiden einzigen Asse im Ärmel eines ansonsten nur in Teilen vollständig überzeugenden Films sind. Gelingt es Regisseur Hoffman ein ausdifferenziertes Bild des um die Werke Tolstois schwelenden Konflikts zu zeichnen, das sich keineswegs einfach auf die eine oder andere Seite schlägt, fehlt es „Ein russischer Sommer“ ansonsten an der nötigen Tiefe, die sich vor allem an der viel zu eindimensionalen Zeichnung des von Paul Giamatti gespielten Tolstoianers Wladimir Tschertkow manifestiert, der zum ultimativen Gegenspieler von Sofia Tolstoi stilisiert wird.
Es ist unbestritten, dass es in „Ein russischer Sommer“ weniger um die Nächstenliebe und eines asketische Lebensweise predigende Bewegung geht – die Tolstoianer – die von den Lehren des russischen Schriftstellers inspiriert waren. Vielmehr steht das Portrait zweier Beziehungen im Fokus des Interesses. Die eine Beziehung steht nach mehr als 50 Jahren an ihrem Ende. Die andere hingegen steht erst an ihrem Anfang. James McAvoy und Kerry Condon (bekannt als Octavia in der TV-Serie „Rom“) verkörpern die beiden jungen Tolstoianer Walentin und Mascha, die sich im unmittelbaren Umfeld des Literaten Tolstoi zu lieben lernen. Wenn diese Beziehungen aber in ein ganz bestimmtes Gesellschaftsgefüge – in diesem Fall der Tolstoianer – eingepasst werden, wäre eine Kontextualisierung, die über das Kratzen an der Oberfläche hinausgeht von Nöten gewesen. Letztlich bleibt dies jedoch nicht die einzige Schwäche eines Films, der noch dazu etwas unentschlossen zwischen komödiantischen und dramatischen Elementen hin und her pendelt. Warum etwa der von McAvoy gespielte Walentin bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ob seiner Nervosität niesen muss, erschließt sich nicht wirklich und funktioniert als Pointe auch nur eingeschränkt. Letztlich lebt „Ein russischer Sommer“ also von seinen beiden extrovertiert und leidenschaftlich auftretenden Schauspielern, die den Film zu einer lohnenswerten Angelegenheit machen, sowie der Dramatik, die sich hinter dem letzten Lebensjahr des weltberühmten Literaten Lew Nikolajewitsch Tolstoi verbirgt. Die deutsche DVD erweist sich dabei letztlich als ebenso solide wie der Film an sich und wartet mit den obligatorischen Extras wie verpatzte Szenen, Interviews bis hin zu einem Making Of auf. – Fazit: 6 von 10 Punkten.






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